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Itchy Feet

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In 24 Stunden von der Gaucho-Ranch ins Champagner-Restaurant

„Fertig Mädels?“ –„Jap!“ „Dann schmeißt eure Taschen hinten drauf und dann geht’s los!“ Wir hatten uns mit Pablo und Emi für 18 Uhr verabredet, um aufs Land in die Estancia von Emis Familie zu fahren. Die Jungs wollten uns das weite, leere Land der Rinderzucht zeigen, abends grillen und dazu Wein und Fernet trinken. Außerdem mussten wir Leña (Holz) für die berühmten Asados sammeln. Das richtige Holz steuert nämlich einen großen Teil zu dem unverwechselbaren Geschmack des Fleisches bei.

Unsere Zelte hatten wir für diese Nacht in La Adela abgebaut und nur das Nötigste in unser Handgepäck gepackt. Also Zahnbürste und -pasta, Handtuch und vorsichtshalber Klopapier. Und unseren Schlafsack. Zähneputzen gestaltete sich dann schwieriger als gedacht, da es kein fließend Wasser gab, sondern nur aufgefangenes Regenwasser, mit dem man dann die Zähne über dem Klo ausspülen musste, da Waschbecken und Badewanne wahrscheinlich nicht mehr angeschlossen sind, oder man zu viel Wasser verbrauchen würde, um spülen zu können.

Auch die Schlafsäcke waren gut eingepackt, die Bettwäsche stand nämlich vor Staub und wurde vermutlich das letzte Mal vor Opa Emis Tod gewechselt. Und das ist schon einige Jahre her. Die ganze Estancia ist komplett verstaubt und in Opa‘s Zeiten stehen geblieben: vergilbte Fotos, bröckelnde Wände, Spinnenweben, Keramikschmuckstücke, antike Möbel, ein klapperndes Fahrrad, alte, muffige Sessel, Blümchentischdecke, verzogene Holzschranktüren und ganz viel Krimskrams, was in ein Haus zu Opas Zeiten eben gehört.

Draußen hingen gegerbte Felle von Schafen und Rindern. Im Schuppen nebenan hat sich vor langer Zeit mal ein Knecht das Leben genommen und seitdem kommen Emi und seine Freunde nur noch zum Feiern oder Leña sammeln hier her, etwa alle 4 Wochen.

Die Estancia liegt mitten in der Pampa gut eine Stunde vom Campingplatz entfernt (eigentlich in der Provinz Rio Negro und die gehört gar nicht mehr zur Pampa, Unterschiede gibt es aber keine Besonderen, außer die niedrigeren Gräser und Büsche in Rio Negro). Auf Schotterstraßen ging es dann durch das Weideland von anderen Familien, hier und da steht mitten auf dem Weg plötzlich eine Kuh, sonst nur Büsche, Büsche, Büsche. Natürlich konnte ich dem Versuch, eine zu streicheln nicht widerstehen, leider rennen die sofort vor einem weg, sobald man sich nähert.

Die Länder der Familien sind wie in Hollywoodfilmen durch Gatter und dünne Zäune getrennt und müssen vor der Durchfahrt geöffnet und danach wieder geschlossen werden. Da wir mit Pablo‘ s Jeep unterwegs waren, kamen wir uns vor wie in einem modernen Westernfilm. J

Eine Stunde lang sind wir durchs Land getuckert, haben hier und da das Holz gesammelt, Vögel beobachtet, Rinder verjagt, kleine Hühnchen (die schauen hier aus wie Mini-Strauße, haben einen langen Hals, ovalen Kopf und einen dicken Körper) erschreckt und einen känguruartigen Riesenhasen, genannt Liebre, erschossen. Ja, erschossen! Nichtsahnend saßen wir im Jeep, als Pablo plötzlich anhielt, „Schhhh“ machte, sein Gewehr zückte, mit Munition lud und ein Liebre ins Visier nahm. So schnell, wie das alles ablief, konnte ich gar nicht denken, bzw. begreifen. Zack Boom, ein Schuss, das Riesenhäschen läuft noch davon, Pablo hinterher und keine 10 Sekunden später hält er das Liebre an den Hinterbeinen nach oben. Und wie es noch gequiekt hat vor Schmerz!! Es war also noch gar nicht richtig tot! Auch wenn es Wilderer sind, Tierquäler sind die beiden nicht. Ein zwei Hiebe mit dem Stock und unser Essen für das bevorstehende Asado wird auf die Ladefläche geworfen.

An der Estancia angekommen, wird dem Tier im wahrsten Sinne des Wortes das Fell über die Ohren gezogen, Innereien entfernt, ausgewaschen und getrocknet. Legal ist das ganze selbstverständlich nicht, aber es macht jeder hier. (Am nächsten Tag sind wir mit einem LKW-Fahrer und einer Ladung Coca-Cola mitgefahren und zwischen den Paletten befanden sich zwei Müllsäcke mit frisch gewildertem Schaf)

 

Gegessen haben wir unseren selbst geschossenen Hasen dann doch nicht, es gab Asado aus Rindfleisch- genauso lecker. Bei dünnem Licht, Fernet und Bier haben wir dann noch Karten gespielt, diskutiert und unser Abenteuer von der Wild-West-Fahrt durch die Pampa und dem geschossenen Liebre irgendwie verdaut und sacken lassen.

 

Das mag sich alles lapal anhören, war es aber wirklich nicht. Vom europäischen Stadtleben in Buenos Aires raus aufs Land, kein Handyempfang, keine Autos, kein Strom, kein fließend Wasser und keine ätzende Abgas-Luft. Abenteuer pur für uns und der perfekte Start für Patagonien. Zumal man als Tourist eher selten solche Möglichkeiten bekommen wird. Um das gejagte Riesenhäschen tat es mir am Anfang schon Leid, aber so spielt sich hier das Leben nun mal ab. Angeln und wildern scheint hier gleichgesetzt zu sein.

 

Gegen zwei Uhr nachts meinten Pablo und Emi, dass wir jetzt eine Nachttour machen und vielleicht ein Wildschwein schießen können. Dazu kam es aber gar nicht, denn durch den vielen Regen ist aus der Schotterstraße teilweise reinster Matschboden geworden und wie es kommen musste,blieben wir in einer 30 Meter langen Pfütze stecken. Statt die 3 Meter zurückzufahren und damit umzukehren, setzte sich nun Pablos argentinische Männlichkeit durch und mit Vorwärts- Rückwärts und spritzenden, durchdrehenden Reifen schafften wir es dann doch noch raus. Den Atem haben wir in diesen paar Minuten aber alle ganz schön angehalten, auch der sonst so coole Pablo kam leicht ins Schwitzen. ;-) Was wäre gewesen, wenn wir tatschlich fest stecken geblieben wären? Ohne Handy? In den Weiten kommt bestimmt nicht jeden Tag ein Gaucho vorbei und schaut nach seinen Kühen…

Zum Frühstück gab es am nächsten Morgen dann schnell einen Kaffee und für unterwegs Mate. Den Kaffeefilter mussten wir noch von Opas letztem Mate befreien, mit Regenwasser aus dem Brunnen, aber zum Glück haben wir unsere Ansprüche schon recht schnell dem argentinischen Standard angepasst. ;-)

 

Die Freundlichkeit der Menschen hier ist Wahnsinn! Pablo hat uns lediglich die Campingkosten berechnet und für den Ausflug aufs Land keinen Cent drauf geschlagen. Natürlich haben wir ihm mehr gegeben, auch, da wir bis zum Schluss der festen Überzeugung waren, dass diese ganze Gastfreundlichkeit irgendwo einen Haken haben muss. Schließlich sind auch Argentinier nichts anderes als Machos…

 

 

Von dem einem Extrem rutschten wir noch am selben Tag ins Andere: Nachdem wir uns von Pablo und Emi verabschiedet haben, standen wir auf der Straße Richtung Süden, Las Grutas und hofften auf einen LKW-Fahrer, der uns mitnehmen würde. Nach einer Stunde vergeblichen Wartens hielt ein roter Lastwagen endlich an. (Wir wollten noch vor Einbruch der Dunkelheit im 300 km entfernten Las Grutas ankommen und verabschiedeten uns vom Camping gegen 15 Uhr)

Ob er nach Las Grutas fahren würde, fragten wir. „Nicht ganz, ich muss nach Choele Choel, aber von dort aus kommt ihr auch nach Las Grutas“ Wir willigten ein und wie sich herausstellte, war unser Bulli-Fahrer nicht nur Angestellter, sondern sogar Inhaber eines Logistik-Unternehmens. Als wir in Choele Choel ankamen, war es schon recht spät, nach Las Grutas würden wir es also nicht mehr rechtzeitig schaffen. Und in Choele gibt es eine Tankstelle, mehr nicht.

Hugo, unser Fahrer, lud uns spontan zu sich nach Hause ein, er hätte 3 Betten und zwei Bäder, dort würden wir genug Platz haben. Mit einem LKW-Fahrer nach Hause fahren!!??! Alleine undenkbar, in Deutschland sowieso nicht möglich! Die Tatsache, dass Hugo einen Sohn hatte, um den er sich regelmäßig kümmert und seine Ausstrahlung, zur Abwechslung mal ein bisschen Gesellschaft neben dem stundenlangen Truck-Fahren haben zu wollen, ließ uns diesen Trip wagen. Hugo arbeitet ununterbrochen(manchmal fährt er 30 Stunden am Stück), schläft wenig und hat noch weniger Freizeit für Familie und Freunde. Wir hatten ein gutes Bauchgefühl und waren uns sicher, dass er sich einfach freute, ein paar ausländische Bekanntschaften machen zu können. Als Inhaber eines Logistik-Unternehmens scheint man für argentinische Verhältnisse recht gut zu verdienen: Hugo wohnt in einem kleinen Apartment, frisch renoviert, mit sicheren Fenstern, hohen, sauberen Wänden, einer eleganten Kücheneinrichtung und einem komplett verfliesten Bad mit Toilettenspülung UND warmer Dusche! (Diese Kombi ist nur sehr selten anzutreffen ;-)) Im Garten steht ein Schwimmbecken, daran schließt ein weiteres Gebäude mit großem Kamin und einer richtig edlen Tafel. Bestimmt 10 Meter lang! Abends lud er uns in ein teures Restaurant ein, mit Unterhaltungsmusik, gutem Wein und Champagner, danach ging es noch nach Neuquen auf Club-Tour. Er gab sich wirklich viel Mühe, auch wenn man es ihm anmerkte, dass er zuvor noch nie in einem von diesen Clubs gewesen ist.

Am nächsten Tag wollte er uns nach Las Grutas fahren, er müsste eh in die Richtung. Er und sein Freund Pablo schlugen uns vor, dort ein Haus übers Wochenende zu mieten, auf Kosten der Jungs natürlich. Einzige Bedingung: Die Mädels müssen kochen. >>> Mehr nicht???<<<< -Nein!- Na dann los!

Leider wurde daraus doch nichts, über Nacht hatte es einige Straßen überspült und Hugo musste zusehen, wie er seine LKW’s ans Ziel brachte. Wir saßen also quasi fest, in irgendeinem Dorf, irgendwo in Argentinien. Hugo hatte so ein schlechtes Gewissen, dass er sich um seine Gäste nicht kümmern konnte und bezahlte uns einen Bus nach Las Grutas. Er würde so schnell wie möglich nachkommen. Ein „Nein“ wegen dem Geld akzeptierte er nicht, ihm war das ganze furchtbar peinlich, dass er sich erst Gäste ins Haus holt und dann doch keine Zeit für sie hat.

 

Auch hier gab es keinen Haken, es wurden keinerlei Gegenleistungen erwartet, oder gar Geld verlangt. Mir stellt sich langsam nur die Frage: „Hallo Deutschland, was ist nur mit unserer Gastfreundlichkeit geworden???“

In Zukunft werde ich jeden sympathischen Tramper mitnehmen und ihm in der Not auch einen Schlafplatz anbieten. Und sollte ich dafür – wie Hugo – auf mein eigenes Bett verzichten müssen.

21.1.13 15:57
 



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