gratis Counter by GOWEB
Gratis Counter by GOWEB

* Startseite     * Über...     * Archiv     * Gästebuch     * Kontakt     * Abonnieren



Itchy Feet

* Themen
     Kolumbien
     Venezuela
     Peru
     Bolivien
     A Farmer's Diary
     Chile
     Argentinien
     Auf See im Mittelmeer
     Unterwegs
     Mexico
     Teneriffa
     Gran Canaria
     Madrid

* mehr
     nächste Ziele






Wie's läuft? Mal gut und mal weniger gut, doch dieser Tag gehört zu den Perfekten!

Es ist Herbst,9 Uhr abends und in 8 Tagen - am 21.Juni - fängt offiziell der Winter an und ich sitze im Bikini neben meinem Zelt auf einem Campingplatz in Las Termas del Rio Hondo.

Das hört sich nach Karibik an? Nein, ich bin immer noch in Argentinien, 500 km nördlich von Córdoba, der zentralen Mitte des Landes. Normalerweise sollte es um diese Jahreszeit nicht wärmer als 15, 18 Grad werden, doch „dank des Klimawandels“ ist hier immer noch Sommer.

Der Ort, Las Termas, bekommt sein Wasser von den naheliegenden heißen Thermalquellen, man hat hier also 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr stets heißes Wasser. (Und das will was heißen für Südamerika ;-)) Elektroöfen oder Heizungen zum Erhitzen des Wassers gibt es nicht, jedes andere Dorf wäre hilflos aufgeschmissen.

Mein Tag fing heute um 7 Uhr morgens in Córdoba an. Luciano, mein Host, und seine Mum haben mich zum Busterminal gebracht, wo ich einen Bus in die Vororte der Stadt genommen habe, um von dort aus weiter trampen zu können. Einmal angekommen, warte ich nicht lang, bis das erste Auto anhält und mich mitnimmt. Gustavo muss Vater sein, auf der Rückbank liegt ein Kindersitzt und er erklärt mich für lebensmüde alleine durch den Norden Argentiniens zu trampen. „Ich dachte, du hast kein Geld und bist am Ende deiner Kräfte, dass du trampst. Aber du machst das absichtlich! Du bist verrückt! Was sagen deine Eltern dazu?!?! Mein Gott, Kind, nimm bitte einen Bus im nächsten Dorf!“

 

Ich überlege, ob er vielleicht Recht haben könnte, immerhin ist er nicht der Erste, der mich vor dem Norden warnt. Und wenn ich den Hochsicherheitstrakt von Lucianos Haus bedenke (jeweils zwei Türen, eine Hightech-Alarmanlage, einen kläffenden Hund und einen Wächter, der beim Raus- und Reinfahren des Autos die Tore bewacht), dann überlege ich mir das schon zweimal mit dem Bus. Andererseits bin ich auch nicht die Erste, die hier lang trampt.

Was solls, ich versuchs einfach. Er lässt mich raus, wünscht mir viel Glück und eine gute Reise. Ich stehe nun in einem kleinen Dorf mitten im Nirgendwo. Pferdekutschen sind hier am meisten unterwegs und Hühner und  Ziegen laufen über die Straße. Dort eine Tankstelle, daneben ein paar heruntergekommene Häuser, alte Ruinen und nicht weit etliche Auto-Wracks. Ein alter greisliger Argentinier auf einem rostigen klapprigen Fahrrad pfeift mir hinterher und ruft mir zu, ob ich alleine unterwegs wäre. „Ein Mädchen alleine unterwegs, das glaubst du doch nicht im Ernst. Das wäre verrückt!“, schreie ich zurück und setze meinen Weg Richtung „Ortsausgang“ fort.

Als nächstes nimmt mich Luis mit, ein pensionierter älterer Herr, der Europa  besser kennt als ich. Hobbymäßig verkauft er Land in der Gegend. Neugierig frage ich ihn, ob es für Ausländer schwierig sei, ein paar Hektar hier zu kaufen. „Nein, quatsch, in Argentinien kann jeder aus allen möglichen Ländern tun und lassen was er will. Solange man Geld hat.“ Ein Hektar kostet je nach Region zwischen 100 Euro und 500.000 Euro. Bei 100 Euro wär ich dabei, scherze ich und wir beide müssen lachen. Luis scheint sich extrem einsam zu fühlen, er nimmt fast täglich Tramper mit. Mich lädt er zum Essen ein, gutes Asado (Fleisch) mit Pommes und eine Flasche Rotwein. Als ich ihm anstandshalber die Hälfte der Rechnung zurückzahlen will, frägt er mich, ob man mir schon mal auf die Finger gehauen hat, weil ich etwas Unanständiges getan habe. Ich stecke meinen Geldbeutel wieder ein und bedanke mich mit einer dicken Umarmung, bevor sich unsere Wege nach 2 Stunden Reisegesellschaft wieder trennen.

Das dritte Auto, dass mich heute mitnimmt gehört Gustavo, er verkauft Reifen in der Region. Mit ihm kann ich mich die nächsten 3 Stunden super unterhalten, wir sind auf einer Wellenlänge, er und seine Frau sind viel viel gereist, früher per Anhalter, heute per Flugzeug.  Mexiko, Chile, Panama, Argentinien – ihre Hochzeitsreise haben die beiden campend und trampen im Norden Argentiniens verbracht, Natur, Ruhe, ohne Hightech und viel Romantik – ein Traumpaar!!

Ob ich an ein Leben nach dem Tod glaube, frägt er mich. „Das weiß ich noch nicht, ich bin dabei es heraus zu finden.“

Irgendwann endet auch diese tolle Mitfahrgelegenheit, eine Umarmung, ein Beso und „vielleicht sehen wir uns ja im nächsen Leben!“   – „Machs gut Gustavo und grüß mir deine Frau und deinen Sohn!“

 

Das vierte und letzte Auto ist ein alter, knarrender, ruckelnder und rostiger Lastwagen. Der Fahrer heißt Joaquín und sein Opa kam aus Deutschland hierher nach Argentinien. Ob er deutsch spricht, frage ich ihn. „Nein, ich konnte es mal, aber hier brauch ichs ja nicht, da hab ichs wieder vergessen.“ Er bringt mich bis zum Campingplatz, wo ich nun mittlerweile in meinem Zelt liege und den Tag Revue passieren lasse. Nie im Leben hätte ich heute Morgen in Córdoba geglaubt, dass ich nur ein paar Stunden später in einem Thermalbad relaxe und den argentinischen Rentnern zwischen ihren Campingwagen beim Plaudern zuhöre.

 

 

 

Ca 500 km habe ich heute zurückgelegt. Wahnsinn wie sich die Landschaft hier innerhalb von nur ein paar Kilometern verändert:

Einmal aus Córdoba City draußen, sieht noch alles wie gewohnt pampa-mäßig aus. Doch plötzlich weichen den niedrigen Bodenpflanzen bebaute ordentliche Felder, Laubbäume und Nadelbäume. Das erinnert mich ein bisschen an Bayern. Auch die Farben lassen mich an Münchens Vororte im Frühherbst erinnern.

Nur 30 Kilometer weiter ist plötzlich alles pur pur grün und es wachsen überall wilde Palmen, dichte Büsche und ich erinnere mich an einen kleinen Dschungel. Weitere 20 Minuten Autofahrt und die Palmen verwandeln sich in Kakteen, erst kleinwüchsige aufgrund des salzhaltigen Bodens, 10 Kilometer weiter sind es Monsterkakteen. Und wieder ein paar Minuten später fahren wir erneut durch karge, farblose Landschaften.

 

Am Straßenrand hängen  handgemachte Teppiche, Holzstatuen und bunte Laken. Die Familien verkaufen hier Handwerkerware (Artesano), um das Einkommen aufzubessern, teilweise ist es wahrscheinlich das einzige Geld, das reinkommt. Echtes Artesano, keine vertuschte China-Ware oder Massenproduktion aus irgendwelchen Souvenirshops der Touristengegenden! Wie gerne würde ich von allem etwas kaufen,aber brauchen kann ichs nicht und mit mir rumtragen schon gleich dreimal nicht, aber solche Verkäufe sollte man unbedingt unterstützen! Hier geht das Geld wirklich noch in die Hände der Hersteller und verschwindet nicht irgendwo im Staatstresor.

Die Häuser der Familien sind mehr als simpel: Eine unverputzte Steinwand, ein paar Bleche, hier und da ein paar Laken und zusammengeglaubte Möbel von irgendwelchen Müllhalden. Dazwischen  viele viele kleine Kinder, die zu sechst mit einem Fahrrad spielen und den unzähligen Straßenhunden hinterherjagen. Playstation? Handy? Computer? Ein Haufen Spielzeuge? Fehlanzeige. Aber selbst aus der Ferne sehe ich, dass sie glücklich sind.

Ich denke, ich bin endlich in dem Teil von Argentinien angekommen, wovon mir die Leute im Süden die ganze Zeit erzählt haben: Einfache Lebensverhältnisse, kleine Ortschaften in dem jeder jeden kennt, saftiges Grün und bunte Farben in allen möglichen Ausführungen.

15.6.13 03:24
 



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung