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Wo Alkohol am Arbeitsplatz Pflicht ist und ich für 2€ Sprengstoff auf dem Markt kaufe

„Hi, ich bin Ben aus Südafrika“ –„Nice to meet you, ich bin Luisa“. Zusammen sitzen wir in Carlos‘ altem Pickup auf dem Weg zu den berühmten Silberminen von Potosí. Das Auto scheint wirklich jeden Moment auseinanderzubrechen, beim Bergauffahren habe ich Angst, dass der Motor versagt und wir schieben müssen. Bei einem Blick auf den Kilometerstand verrät mir der alte Karren, dass er bereits über 123.000 km auf dem Buckel hat.

Aber wir schaffen es bis zum Ausgangspunkt, ein kleines Büro, wo wir uns in gelbe Regenjacken und schwarze Regenhosen schwingen. Die Schuhe werden in Gummistiefel gewechselt und die Wollmütze gegen Helm mit Lampe getauscht. Dann geht es mit Kamera und umgerechnet 3,50€ mit dem Bus weiter bis zum „Mercado del Minero“(zu dt. Der Markt der Minenarbeiter) Dort werden wir mit den Überlebensutensilien eines Mineros vertraut gemacht: Coca-Blätter, die zusammen mit einer Knetmasse-artigen Substanz den ganzen Tag gekaut werden und vor allem gegen Müdigkeit und Hunger helfen sollen. (In der Tat kann man aus einer bestimmten Menge Coca-Blättern reines Kokain gewinnen) Selbstgedrehte Zigaretten und eine Flasche 96%igen Alkohol. Die Flasche sieht aus wie ein Putzmittel, weiß und ein einfaches blaues Etikett herum. Die Flüssigkeit wird jedoch weder zum Putzen noch zum Sterilisieren verwendet, die Minenarbeiter mixen den Alkohol unter Soda oder Fanta und erleichtern sich somit die 8 Stunden Knochenarbeit unter der Erde. Dienstags und Freitags wird der Alkohol sogar fast pur getrunken.

Selbstverständlich probieren wir einen Schluck und es brennt bereits auf den Lippen, bevor der Alkohol auch nur die Zunge berührt. Er riecht wie Nagellackentferner und schmeckt ein bisschen wie Tequila. Alles in allem gar nicht so übel, aber unfassbar ist es doch.

Von den 3,50€ kaufe ich ein Überlebenspaket als Geschenk für die Minenarbeiter und einen Satz Sprengstoff. Ja Sprengstoff! Mitten auf dem Markt, wo jeder Depp einkaufen kann. Zwar meint Carlos, dass nur Touristen, Mineros und Guides Sprengmaterial kaufen können und wenn man in eine andere Richtung als die Minen damit verschwindet, wird sofort die Polizei alarmiert. So richtig kaufe ich ihm das allerdings nicht ab….

Nun gut, mit Coca, Zigaretten, Alkohol und Sprengstoff geht es mit dem Bus nochmal ein Stückchen weiter bergauf. Potosí ist eine der höchstgelegensten Städte der Welt (4070 Meter), der bekannte Cerro Rico mit den Silbervorkommen liegt auf etwa 4.500 Metern.

Vom Bus bis zum Eingang der Mine laufen wir an schlicht zusammengezimmerten Häusern aus Steinen und Schlamm vorbei, sehen freilaufende Schweine im Müll wühlen und grüßen die kreuzenden Minenarbeiter. Schotterstraßen, alte Autos, Staub, jede Menge Abfall und die am Horizont wie Favelas wirkenden Häuser der Mineros lassen die Gegend wirklich erbärmlich wirken.

Der Eingang der Mine ist schlicht, eine kleine Höhle in einem Haufen Steine, gestützt von ein paar Holzbalken.

Bevor es die hölzerne lose Leiter und den engen steilen Weg nach unten geht, nehmen wir ein paar Coca-Blätter aus dem Beutel, hauchen ein- zweimal dagegen und verstreuen sie dann anschließen vor dem Eingang der Mine. Für Pachamama, die Muttererde, damit wir den Minengang heil überleben.

Meine Idee, den kompletten „Spaziergang“ zu filmen, schlägt bereits bei den ersten Metern fehl, ich brauche beide Hände und beide Füße, um mich festzuhalten und nicht abzurutschen und irgendwo gegen eine Steinwand zu prallen. Meine Atemschwierigkeiten wegen der Höhe, die schlechte, staubige Luft und die körperliche Anstrengung lassen mich schon nach nur wenigen Metern schwer nach Luft schnappen. Aber Carlos hat jederzeit ein Auge auf uns und macht alle paar Meter kurze, aber hilfreiche Pausen.

Wir schlängeln uns schmale Wege entlang, kraxeln Berge hinauf, bei denen wir kleine Steinlawinen auslösen und kriechen einen halben Meter hohe Gänge entlang. Gott sei Dank habe ich einen Schutzhelm auf- wo der kleine Carlos Problemlos durchlaufen kann, haue ich mir mehrmals den Kopf an. J

„In der Mine sprechen wir weder von Gott noch von Jesus“, erzählt mir Carlos. „Das ist alles andere als ein heiliger Ort. Wir rufen uns ständig Schimpfwörter zu und fluchen auf alles, was uns über den Weg läuft, das gefällt dem Tio Jorge.“ Tio Jorge begenet uns etwa 3 mal, mal größer und mal kleiner. Er ist ein Teufel, geschmückt mit Girlanden und purpurrot bemalt. Vor seinen Füßen liegen leere Alkoholflaschen und angehauchte Coca-Blätter. Um heil aus der Mine herauszukommen, opfern wir auch hier wieder ein paar Coca-Blätter und mixen den 96%igen Alkohol mit Soda und träufeln ein paar Tropfen auf den Boden, bevor wir einen Schluck davon nehmen. Eine Zigarette stecken wir Tio Jorge in den Mund und zünden sie an, damit er friedlich gestimmt ist.

Dieses Ritual wiederholen wir jedesmal, wenn wir einem Tio Jorge begegnen.

 

Auf unserem Weg kommen wir an einem kleinen „Museum“ vorbei. Es beherbergt eine Truhe aus Kuhleder, einen Rahmen mit den verschiedenen Sprengsätzen aller Herrenländer, bei denen nur noch die Hälfte der Sprengsätze vorhanden ist, ein großes Bild der Minenarbeiter-Familie, einen spanischen Soldaten und eine Figur eines ersten Minenarbeiters. Dieser ist gekleidet in Sandalen, kurzen Hosen und ärmellosen T-Shirt. Von Schutzkleidung wie guten Schuhen oder einem Helm fehlt jede Spur. Gearbeitet haben sie damals im Licht einer Feuerfackel; ordentliche Arbeitskleidung wurde erst in den 80iger Jahren eingeführt.

 

Den Sprengsatz deponieren wir unter einem Haufen Steine. Er besteht aus der Zündschnur, die am einen Ende mit einem Metallmantel versehen ist (hier passieren die meisten Unfälle, sagt Carlos. Die Metallplättchen explodieren nämlich auf Druck und nicht selten fallen vom Alkohol betrunkene Arbeiter um und mit ihrem ganzen Gewicht auf die in ihrer Tasche aufbewahrten Zündschnüre). Neben dieser, eine Knetmasse, die zusammen mit rosa Perlen den Sprengstoff bilden sollen. Die Schnur wird in die Knetmasse gesteckt und diese wiederrum in einen Brotzeitbeutel mit den rosa Perlen- fertig ist die 2€-Bombe. Alles wird unter einem Haufen Steine gut versteckt, dann zünden wir die Zündschnur an und verstecken uns einige Meter weiter hinter einer dicken Steinwand.

Ob das chemisch -physikalisch so gut beschrieben ist, kann ich nicht sagen, ich war in beiden Fächern eine Niete, aber es funktioniert! Carlos meinte, dass das jetzt 6 Minuten etwa dauert, bis unser Bömbchen explodiert, aber bereits nach 4 Minuten gibt es einen lauten Knall. Ben hat es fast den Boden unter den Füßen weggezogen, und auch ich bin ordentlich zusammengezuckt.

Wir laufen zurück, um uns die Auswirkungen anzusehen. Vor lauter Staub können wir allerdings kaum etwas erkennen und auch Carlos ruft uns nach ein paar Sekunden zurück, der Geruch sei für die Schleimhäute nicht gut und würde uns Kopfschmerzen bereiten. Was wir allerdings erkennen können, ist die zwei Meter durch die Luft geflogene Zündschnur und dort, wo unser Steinhaufen und der Sprengsatz deponiert waren, klafft nun ein großes Loch.

 

Die restlichen Coca-Blätter, die 2L- Soda-Flasche und die übrigen Zigaretten schenken wir den vorbeilaufenden Minenarbeitern, die sich nicht wirklich dafür bedanken, sondern die Gabe für selbstverständlich empfinden…

 

Das war das über zwei Stunden andauernde Abenteuer in den Minen von Potosí. Carlos meint, dass 5 Arbeiter pro Tag einen LKW voll bekommen. Daran würde jeder etwa 200 Euro verdienen. Pro Tag. Das kann ich mir nicht vorstellen, zumal es ja weltweit bekannt ist, dass Minenarbeiter für einen Hungerlohn ihr Leben aufs Spiel setzen. Abgebaut wird am Cerro Rico Silber, Ethan, Zink und noch einige andere Mineralien, die ich vergessen habe oder den spanischen Namen erst gar nicht verstanden habe.

Pro Jahr passieren durchschnittlich 50 Unfälle, das wäre einer pro Woche. Ob diese tödlich enden oder „nur“ im Krankenhaus, hat mir Carlos nicht verraten.

Die Arbeitsbedingungen sind wirklich hart, für kein Geld der Welt würde ich dort mein Leben aufs Spiel setzen. Viele sterben an Lungenkrankheiten, die Luft ist wirklich abartig. Und Minenarbeiter haben generell eine geringere Lebenserwartung als Normalarbeitende. Ich war froh, nach zwei Stunden wieder das Tageslicht zu sehen und reine Luft atmen zu können.

Andere sterben an Alkoholvergiftungen, die Sache mit dem 96%igen Alkohol ist weder erfunden, noch eine Touristenattraktion. Nach der Tour lud mich Carlos ein, mit in seine Mine zu kommen, wo er arbeitet. Zusammen in dem alten Pickup fuhren wir zu seinem Ort, dort lernte ich auch gleich seine Genossen kennen. Es waren 5 insgesamt, einer davon nicht älter als 17. Und zusammen leerten sie innerhalb von einer Stunde 1 Liter von dem Spiritus-Alkohol. Sie mischten zwar etwas Fanta darunter, allerdings war es so wenig, dass sich die Flüssigkeit nichtmal annähernd verfärbte. Von Minute zu Minute merkte man, wie ihnen die Prozente in den Kopf stiegen, dem einen mehr, dem anderen weniger. Carlos fuhr sie bis zur Busstation, drückte ihnen 2 € in die Hand und sagte „Kauft euch davon noch eine Flasche und wenn’s reicht, vielleicht noch ein bisschen Fanta dazu.“

7.7.13 23:40
 



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