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Itchy Feet

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Wo selbst ein Plumpsklo überbewertet wird

Ich habe eine neue Hängematte. Die zweite in meiner Sammlung. Gekauft habe ich sie für die Bootsfahrten, die ich im Amazonas unternehmen möchte. Sie lässt meinen Rucksack zwar wieder schwerer und voller sein, aber das ist es irgendwie wert J Und immerhin kann ich dank ihr nun in einem kleinen Privatboot im Rio Ichilo dem Sonnenuntergang entgegenfahren. Wirklich schön, wenn auch anfangs kalt!

Aber der Reihe nach:

 

Tag 1:

In Puerto Villarroel angekommen suche ich am Hafen ein Boot, das in den nächsten Tagen Richtung Trinidad ablegt. Das wird schwer, erzählen mir die freundlichen Bewohner. Jetzt, in der Trockenzeit, fahren nur wenige Boote den Fluss runter. Zu groß ist die Gefahr auf einer Sandbank hängen zu bleiben. Zumal es ja jetzt die geteerte Straße nach Trinidad gibt, das ist für die Händler billiger und vor allem schneller als eine zweitägige Bootsfahrt. Trotzdem gibt es einen kleinen Frachter, der in den nächsten Tagen Eisblöcke zumindest bis zur Hälfte der Strecke bringen muss. Das klingt gut, denke ich mir und warte auf den Kapitän. Da spricht mich ein älterer Mann an und will wissen, was ich hier in Puerto Villarroel tue. Ich erzähle ihm mein Vorhaben und er bietet mir an, mich bis nach Trinidad zu bringen. Er hat da ein kleines Boot am Hafen. Für 400 Bolivianos (ca 45 &euro Da es momentan keine anderen Passagiere gibt, wäre ich die einzige und die Kosten somit etwas höher.

Ich überlege mir die Sache. Das ist eine große Stange Geld, aber es scheint mir sicherer und angenehmer, als mit ungehobelten Arbeitern, die wochenlang keine Frau gesehen haben, auf wenigen Quadratmetern zusammen durch die Flüsse und Wälder des größten Regenwaldes der Erde zu schippern.

Wir schauen uns das Boot an - ganz passabel, es hat zumindest keine Lecks. Was ich auf den ersten Blick nicht erkenne, ist, dass es keine Toilette gibt. Als ich Pepe (der Besitzer des Bootes) am nächsten Tag danach frage, zieht er sich pantomimisch seine Hose runter, setzt sich auf den Bootsrand und grinst mich breit an. Ist das sein Ernst? denke ich mir. Ja, das ist sein Ernst. „Das ist ganz normal hier, jeder macht das so!“ Naja, für Männer ist das ja nicht weiter schwer, die stellen sich an den Rand und fertig …

Das wird schon werden, ermuntere ich mich und packe meinen Rucksack für die nächsten zwei Tage.

 

Am nächsten Morgen wache ich mit einem bekannten Drücken im Magen auf und renne aufs Klo. „Scheiße!“, schimpfe ich, im wahrsten Sinne des Wortes. Der frisch gefangene und frittierte Fisch zum Mittag bekam mir wohl doch nicht so gut. Mit Durchfall zwei Tage auf einem Boot ohne Klo. Wo soll das hinführen? Ich schmeiße mir alle möglichen Tabletten und Kräutertropfen ein und bete zu Gott, dass es wirklich nur der Fisch war und nicht wieder irgendwelche Bakterien.

Bis jetzt hat er Erbarmen und alle Medikamente helfen. Pinkeln muss ich trotzdem irgendwann und das definitiv nicht über den Bootsrand.

Aber zum Glück halten wir an einer kleinen Siedlung:

 

Mit Siedlung meine ich zwei aus Bambus und Palmenblättern selbstgebaute Hütten und eine Art Riesentisch, über dem ein Moskitonetz hängt und das Bett der 10 Einwohner sein soll. Kein Dach, kein Schrank, kein Waschbecken, nichts, was an eine westliche Welt erinnern würde. Oh doch, eine Pfanne und einen verbeulten Teekessel haben sie. Ein paar alte Adidas-Pullover und ausgetretene Schuhe auch. Dazwischen ein paar Plastiktüten und knurrende Hunde. Ein Indiodorf ist es nicht, auch wenn die Menschen hier von der Augenform und der Hautfarbe sehr stark daran erinnern. Laufen Indios nicht halb nackt rum? Oder sind es vielleicht die Indios der Neuzeit?

Ich frage, ob ich ein paar Fotos von ihrem „Garten“ machen kann. Da stehen etliche Bananenstauden und Papayabäume! So toll!! Fleißig sammeln wir Papayas ein und bringen sie zurück zum Boot. Einer der „Neuzeit-Indianer“ bringt noch zwei Bananenstauden, der Preis für die Überfahrt zweier Frauen und einer Hand voll Kinder. Viel zu kurz war der Aufenthalt an diesem wunderbaren Ort. 13 Moskitos haben mich in der kurzen Zeit an der Stirn gepiekst und eines an der Hand.

Hölle! Aber laut der Auskunft der Einwohner soll es hier noch keine Malaria geben. Wollen wir ihnen mal vertrauen.

 

Zum Mittagessen gibt es Locro. Ein typisches Wintergericht aus den Andenländern. Reis, Fleisch, Zwiebeln und Kartoffeln werden einige Zeit zusammen eingekocht und dann serviert. Simpel, aber es sättigt. Bei der Zubereitung muss ich jedoch immer wieder an meinen Magen denken. Erst fällt das Fleisch vom Schneidebrett auf den wirklich nicht sauberen Fußboden und dann kochen wir mit braunem Wasser aus dem Fluss. Pepe lässt es zwar lange kochen und fischt immer wieder dreckigen Schaum heraus, aber die Tatsache, dass sämtlicher Müll in diesem Fluss landet, lässt mich ein bisschen schaudern.

Aber da muss ich jetzt durch. Und soll es die grässlichste Erfahrung meiner Reise werden.

Es ist jetzt Abend und noch geht es mir gut. Warten wir auf die Nacht und den Morgen.

 

Tag 2

Selbstverständlich hatte Gott kein Erbarmen mit mir und schon kurz nachdem wir uns schlafen gelegt hatten, spürte ich das Mittagessen meinen Darm runterrauschen. Verdammt! Vorsichtig kroch ich aus meinem Schlafsack und setzte mich auf den Bootsrand. So wie es mir Pepe am Tag zuvor gezeigt hatte. Was raus muss, muss raus, dachte ich mir und hielt mich an einem Dachpfosten fest, um nicht auch noch rückwärts ins Wasser zu fallen.

Ich glaube, weiter muss ich nicht erzählen, den Rest kann man sich ja denken. Das ganze wiederholte sich noch zweimal in dieser Nacht und dann war ich der Kälte ausgeliefert.

Nach einer langen, kalten und schlaflosen Nacht weckten mich die Motorengeräusche. Es war noch dunkel, aber wir fuhren bereits weiter.

 

Das Schönste an einer Nacht auf einem der Amazonasflüsse sind die Stimmen des Waldes und des Flusses. Unglaublich! Da fliegt kreischend ein Vogel an unserem Boot vorbei, um wahrscheinlich den Waldbewohnern uns Eindringlinge zu melden. Irgendwo aus dem Wald hört man dann kurz darauf das Antwortschreien. Ringsherum blubbert es ab und zu, das Wasser ist wärmer als die Luft und so Heimat für viele größere und kleinere Fische. Das wunderbarste Geräusch jedoch, das ich in meinem Leben bisher gehört habe, ist das Ausatmen eines rosa Delfins. Diese Delfine sind in der Tat Pinkpanther Rosa und werden bis zu drei Meter lang. Gesehen habe ich sie noch nicht, aber es müssen edle Tiere sein, wenn sie nachts so toll um unser Boot herumspielen und abwechselnd Wasserfontänen nach oben pusten.

Ich habe natürlich versucht, mich aus meiner Hängematte zu heben, um im Mondschein den ein oder anderen beim Spielen zu erwischen, sobald man jedoch Lärm verursacht, sind die tollen Tiere untergetaucht.

 

Zum Frühstück gibt es frittierte Kochbananen (bolivianisches Nationalgericht) mit Käse und Erdnussmehl gemischt. Dazu frittiertes Ei (Nein, nicht gebraten, sondern wie Pommes frittiert)

Ganz gut, wenn man bedenkt, dass wir auf einem nicht gerade gut ausgestatteten Boot sind.

Der Tag heute ist besser, die Wolkendecke ist verzogen, die Sonne scheint und es wird von Stunde zu Stunde wärmer. Gegen Mittag wage ich mich aus meiner Hängematte und wir halten an einer kleinen Siedlung, um uns die Füße zu vertreten, aufs Klo zu gehen und Benzin zu kaufen. Der Ort ist wunderschön, nicht ganz so, wie der gestrige, aber immer noch ein Paradies! Eine Straße gibt es nicht, die Familien sind nur über den Wasserweg zu erreichen. Ich steige aus dem Boot und krieche die Sandbank hinauf. Da steht mir mitten auf dem zentralen Platz neben den Benzincontainern und unter Bananenstauden ein kleines weißes Dschungelkalb gegenüber.  Es sieht mich, wedelt mit dem Schwanz und trottet davon. Pepe zeigt mir die Schule, die der Staat für die 33 Familien  hat bauen lassen und stellt mir ein paar Einwohner vor. Höflich sind sie alle und starren die, die aus einer anderen Welt kommt, völlig entgeistert an.

Die Hütten sind alle traditionell aus Holzbrettern oder Bambus und Palmenblättern gemacht. Wieder sehe ich einen Riesentisch mit einem Moskitonetz in der Mitte und allem Hab und Gut darum verstreut. Ich weiß nicht wieso und warum gerade jetzt, aber ich muss an all die hohen und kolonialen Gebäude in München Denken. Das Rathaus mit dem Glockenspiel und das große laute Hofbräuhaus mit seinen vielen verschnörkelten Wänden. Ist es wirklich eine andere Welt?

Bevor wir weiterfahren, sehe ich den jüngsten Sohn von Pepe von den Benzincontainern ein Foto machen. Mir wird klar, dass er solche riesen Behälter wohl noch nie gesehen hat. Dafür weiß er, wie man eine unreife Papaya schneller zum Reifen bringt und wie man Kochbananen schält. Ich wiederum, habe unzählige Fotos von Bananenstauden und unserem Papayahaufen gemacht; die Container habe ich links liegen gelassen.

Ich denke, der Gedanke mit der anderen Welt ist gar nicht so verkehrt.

 

Später suche mit meinem Fernglas die Ufer ab. Mit der Sonne sind auch die vielen Vögel aus ihren Verstecken gekommen. Schwarze, weiße, graue und braune in allen Größen und Formen stehen sie im seichten Wasser und fischen nach Larven. Am Abend fahren wir wieder in den Sonnenuntergang hinein und ich scheine mich im Film zu befinden: Die Bäume und Palmen geben vor dem orangenen Himmel eine wunderschöne Siluette ab und alle Vögel der Umgebung scheinen sich auf den Nachhauseweg zu machen und fliegen den letzten Sonnenstrahlen entgegen. Je weiter sie sich entfernen desto kleiner werden sie und irgendwann sind sie dann ganz verschwunden; und dann wird es wieder Nacht im Amazonas.

 

 

 

26.8.13 22:52
 



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