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Itchy Feet

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Mit Bolivianern in Bolivien und die Einsicht, dass einfach alles anders ist

Tag 1:

Heute Morgen bin ich mit einem Mototaxi (das sind kleine Moped-Taxis) zum Hafen von Trinidad gefahren, um nach einem Boot zu suchen, das mich den Fluss runter bringen kann. Der Tachometer und die Benzinanzeige standen beide auf null und das Armaturenbrett insgesamt sah ziemlich wackelig aus; wohl nur irgendwie drangeklebt, damits nach was aussieht.

Ich musste ein bisschen schmunzeln, als mir auffiel, dass ich gar nicht daran dachte, mir feste Schuhe, eine Jacke und einen Kopfschutz anzuziehen. Im Gegenteil: Helme trägt hier niemand, ich bezweifle, dass es sie irgendwo zu kaufen gibt. Und was gibt es besseres, als in FlipFlops, kurzer Hose und T-Shirt sich auf einem Moped den warmen Wind ins Gesicht wehen zu lassen?

 

Ein Boot habe ich wider Erwarten recht schnell gefunden gehabt, nur musste ich noch schnell zurück, meinen Rucksack holen und ein paar Sachen für die Fahrt einkaufen.

Auto-Taxis gibt es hier keine, bzw. sind die viel zu teuer. Also wurde mein Rucksack längs auf den Lenker gehievt, dahinter der gut gebaute Taxi-Fahrer, dann ich mit zwei Taschen und einer Tüte mit Wasserflaschen. Das Moped war mehr als beladen und hatte so seine Schwierigkeiten voran zu kommen, aber letzten Endes hat es das Gute Ding dann doch geschafft. Eigentlich wollte ich ein Foto machen, es war wirklich ein entzückendes Bild, wie es nur im tiefsten Italien vorkommen könnte, aber die kleinste Bewegung lies das Moto schwanken.

 

Auf dem Boot, mit dem ich nun eine Woche unterwegs sein werde, arbeiten und leben ach Leute und zwei Kleinkinder: Der Kapitän Hugo, seine Frau Estell und ihr Sohn Walter. Die Köchin, deren Namen mir dauernd entfällt und ihre beiden Kinder Helén und ihr älterer Bruder, der einen wirklich seltsamen Namen hat. Der Co-Kapitän Miguel und noch ein Co-Kapitän, Roberto. Dann gibt es noch drei junge Burschen, ich glaube, die mögen keine Gringas, aber sie haben schlechtgemachte Tattoos.

Das Schwein ist nicht zu vergessen, ein kleines Ferkel, seit zwei Monaten fährt es mit auf dem Boot hin und her und ist in einer Ecke angebunden. Es bekommt die Reste des Essens und fühlt sich glaube ich ganz wohl hier. Selbstverständlich wird es eines Tages im Kochtopf landen und dann gibt es ein großes Fest!

 

Was ich heute bereits feststellen konnte, ist, dass das Leben auf einem Boot ein tolles Leben ist! Fast ein bisschen wie das der Zigeuner, nur eben nicht so verpönt. Du fährst von einer Stadt zur anderen bleibst ein paar Tage im Hafen liegen und machst dann mit ein bisschen Ladung weiter zur nächsten Stadt.

Man ist frei und kann tun und lassen was man will, keiner der einen mit unnötigem Nonsens zumüllt, es gibt frischen selbstgefangenen Fisch, Schildkröten- oder Kranicheier und man lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Tagsüber geht jeder seiner Arbeit nach, kocht, putzt, repariert, wäscht, relaxt oder dirigiert das große Ruder; und abends verzieht man sich in seine Hängematte oder setzt sich zusammen um Tee zu trinken und Fische zu fangen.

Eine Dusche gibt es nicht, man springt in Badehosen in den Fluss, seift sich dann ein und springt erneut in den Fluss. Ein Waschbecken gibt es auch nicht. Zum Gesicht waschen und Zähne putzen setzt man sich an den Bootsrand und schöpft mit einem Schälchen Wasser aus dem Fluss.

Ist das nicht toll?

Das Wasser ist zwar auch hier braun wie Scheiße, aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

 

Meine Hängematte hängt am fast besten Aussichtspunkt des Bootes, die Veranda. (der Beste ist oben auf dem Dach, aber da gibt es nichts zum Festmachen)

Und hier liege ich nun in meinem Schlafsack unter meinem Mosiktonetz und höre die Grillen das schönste aller Lieder singen. Zwischendrin hört man verschiedene Vögel zwitschern und ab und zu Glühwürmchen aufleuchten. Und ich glaube, vorhin habe ich sogar ein paar Affen sich streiten gehört, vielleicht war es aber auch nur der Gesang einer der exotischen Vögel.

 

Morgen werde ich anfangen Fotos zu machen, ein wirklich toller Ort.

 

Tag 2:

Heute gab es zum Frühstück, zu Mittag und zum Abendessen frisch gefangenen Fisch. An herzhaftes Frühstück habe ich mich mittlerweile ja gewöhnt, aber morgens früh um ich schätze sieben (habe alle Uhren im Rucksack versteckt und das Handy ausgeschalten) ist doch noch etwas merkwürdig.

 

Abends haben wir an einer am Fluss gelegenen Farm gehalten und wollten frische Milch und selbstgemachten Käse kaufen, aber irgendwie geben die Kühe zur Zeit keine Milch. So oder so ähnlich. Ich habe nach 10 Minuten Dauererzählungen des Farmers abgeschalten. Aber seine Hühner hatten einen tollen Stall! Ein normaler Laubbaum, in dem ein großer Kaktus mit verwachsen ist und zwischendrinn auf den Ästen sitzen die Hühner.

 

Nach Sonnenuntergang haben wir uns mit Moskitoschutz eingeschmiert und sind Nachtfischen gegangen. Gefangen haben wir nichts, die Piranhas haben sofort das Fleisch von der Angel gepickt und sind damit verschwunden. Auch Vogeleier und Schildkröteneier haben wir gesucht, leider vergebens.

Dafür scheinen die Vögel, die Tagsüber die Strände zieren, einen Kongress im hohen Gras abgehalten zu haben. Scheinbar alle – es müssen jedenfalls mehrere 100 gewesen sein – haben durcheinander geschrien, gemeckert, gezwitschert und gepfiffen. Unglaublich! Dazu die meckernden Enten und nachtaktiven Vögel. Die singenden Grillen haben dem Konzert den letzten Schliff gegeben.

Ich habe versucht, ein Video zu machen, hoffentlich ist der Ton auch gut geworden.

 

Roberto, der Co-Kapitän, meint, in mir seine große Liebe gefunden zu haben. Ich wäre das große Glück für ihn, auf das er immer gewartet  hat. Er meint das nicht lockerflockig wie die Argentinier oder Italiener sondern todernst. Ich schätze ihn auf Mitte/Ende 50. Aber in der Liebe gibt es doch kein Alter, sagt er. Das stimmt, aber in meiner Kultur paaren sich Jung und Alt nur, wenn einer der beiden einen dicken Geldbeutel hat.

Das versteht er nicht, natürlich nicht, hier ist es Gang und Gebe. Zärtlichkeit und Familienliebe habe ich hier in Bolivien übrigens in noch keiner Familie gesehen, aber das ist ein anderes Thema.

(Ich habe Walter mal darauf angesprochen. Auf den Mund wird nicht geküsst, weil der Mund dreckig ist)

Jedenfalls hoffe ich, dass Roberto einsehen wird, dass ich ihn nach einer Woche genauso wenig lieben werde, wie nach den bisherigen 36 Stunden.

 

 

 

Tag 3:

Ich stehe mit der Sonne auf und frühstücke. Wie spät es ist, weiß ich nicht, ich habe meine Uhren für diese Woche ja ausgemacht. Jedenfalls gibt es nach einer Gefühlten Stunde schon wieder Mittagessen und da die Sonne hier recht früh untergeht, auch noch vor Sonnenuntergang – ich schätze gegen 17/18 Uhr das Abendessen. Alle drei Mahlzeiten bestehen aus Frittiertem, Kartoffeln, Reis, Fisch oder Fleisch. Und da ich nicht allzu viele Möglichkeiten habe, mich zu bewegen, werde ich eben gemästet. Mir solls recht sein, bin ja im „Langzeiturlaub“ :D

Das Essen ist wirklich super! Meistens bekommt man auf Frachtschiffen oder größeren Booten nur Reis mit Bohnen – billig und simpel. Auf dem San Aurelio jedoch gibt es morgens frisch frittierte Küchlein mit Kaffee, Artesano Kakao, erhitztem Obstsaft oder selbstgekochtem typischem Fruchtsaft. Mittags dann Nudelsuppe zur Vorspeise und als Hauptspeise dann Reis mit Fisch oder Fleisch und dazu ein paar Yuka -schmeckt ähnlich wie Pellkartoffeln- meistens frittiert. Zu fast jeder Mahlzeit gibt es auch noch frittierte Kochbananen. Und abends das gleiche nochmal, nur ohne Suppe.

Unglaublich wie viel die Bolivianer frittieren, eigentlich wird fast alles in Öl getränkt. Sogar dem Reis wird etwas dazugekippt, wenn die Körner nicht vor dem Kochen noch kurz in Öl gebraten worden sind.

 

Scarlet, unsere strenge Köchin und Mutter der beiden Kinder, ist erst 21. Ihr Sohn mit Sicherheit 4 oder 5 und ihre Tocher 1 ½. Sie sieht jung aus, aber so jung hätte ich sie nicht geschätzt. Zwar ist das Bekochen einer Mannschaft ein typischer Job für junge Mädchen, aber die Art wie sie ihre kleine Kochnische in der Hand hat und die beiden Kinder, hätten sie mich auf Mitte/ Ende 20 schätzen lassen.

 

Gabriel, einer der Burschen, der mich anfangs keines Blickes gewürdigt hat, ist ebenfalls erst 21. Seine Hände sind richtige Arbeiterhände und eine große Narbe in seinem Gesicht lassen ihn älter und vor allem sehr rau wirken.

 

Miguel, einer der Maschinenarbeiter, ist heute Morgen mit dem kleinen Motorboot zurück zum nächstgrößeren Dorf gefahren und hat dort einen Bus in seine Heimatstadt genommen. Sein 17-jähriger Sohn ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Bereits vor zwei Tagen; er hat davon jedoch erst jetzt erfahren, da wir vorher nirgends Handyempfang hatten.

Bedrückt starte ich in den Tag, denn nur allein die Vorstellung, dass meiner Familie etwas passieren könnte und ich davon erst Tage später erfahre, bereiten mir Magenkrämpfe.

Seine Freunde und Kollegen scheint das nicht sonderlich zu interessieren, sie scherzen, albern herum und sind genauso ausgelassen wie zuvor.

 

 

Tag 4:

Heute wurde für ca. sieben Euro eine Riesenschildkröte gekauft. Nicht so riesig wie die von den Galapagos-Inseln, aber schon recht groß. Von Kopf bis Schwanz misst sie vllt. einen halben Meter. Noch lebt sie, aber in den nächsten Tagen soll sie im Kochtopf landen.

 

Das abendliche Baden im Fluss ist schon zu einem Ritual geworden. Nachdem wir unseren Platz für die Nacht ausgesucht haben, schlüpfe ich in meinen Bikini und schwimme ein paar Züge neben dem Boot hin und her. Heute tummelten sich ein paar Meter weiter zwei oder drei Delfine. Anfangs bin ich erschrocken, als ich es platschen gehört habe – ich dachte an Krokodile. Die gibt’s  hier nämlich auch.

Es war schön, so nah an den wilden Delfinen zu schwimmen, leider stürzten sich schon nach 2 Minuten die Moskitos auf mich und ich musste abbrechen und zurück ins Boot eilen.

 

Da meine an Land gekauften Wasservorräte alle geworden sind, muss ich nun auf das Wasser aus dem Fluss umsteigen. Und wie schon vermutet, schmeckt braunes Wasser nicht besonders gut, ganz zu schweigen davon, dass es mein europäischer Magen kaum gewöhnt ist. Ich koche es daher lieber ein Weilchen und schmeiße anschließend noch ein paar Wasser-Reinigungs-Tabletten hinterher.

Am Ende ist es zwar immer noch braun und geschmacklich wirklich gewöhnungsbedürftig, aber mein Magen verträgts ;-)

Die Kapitäns-Frau hat mir heute einen Hund geschenkt. Einen aus Plüsch. Wenn man da Batterien rein macht, dann wackelt der mit dem Schwanz, kann laufen und bellen. Ich weiß zwar noch nicht, was ich damit soll, aber eine liebe Geste. Wahrscheinlich schließt sie von Herrn Nilson darauf, dass ich auf Kuscheltiere abfahre? (NIEMALS!!! O;-) )

 

 

Tag 5:

Wir bekommen neue Gäste an Bord. Eine junge Frau und zwei Männer. Ich schätze die Frau auf 20 oder 21, älter nicht. Sie hält ein Baby im Arm und ihr Bauch ist erneut kugelrund.

Mit unserer 21-jährigen Köchin und zweifachen Mutter Scarlet unterhalte ich mich über die Unterschiede des Heiratens und Kinderkriegens.

„Mit 13 wird man hier teilweise verheiratet und dann hat man spätestens mit 16 das erste Kind.“

Ich erkläre ihr, dass das in meinem Land zwar vorkommt, aber nicht Gang und Gebe ist.

„Wir Deutschen sind der Ansicht, dass eine Frau ihr junges Leben genießen soll, Erfahrungen sammeln sollte – von der guten und der schlechten Seite – und dann mit Mitte zwanzig, Anfang dreißig ans Kinderkriegen und Familie gründen denken kann.

„Wenn du an die falschen Männer gerätst, dann wirst du mit 13 schon geschwängert“, erzählt sie mir. „Aber dagegen kämpft die Regierung bereits an, es gibt nämlich Impfungen, die du bekommst, damit du eben nicht so früh Mutter wirst.“

 

„Was passiert mit Kindern ohne Eltern?“, frage ich Scarlet. „Die geraten auf die schiefe Bahn, klauen, trinken Alkohol –teilweise schon mit 8 oder 10 -, nehmen Drogen und landen dann im Gefängnis.“

Kinderheime wie bei uns gibt es nicht und ein Jugendamt hat hier nicht die benötigten Mittel, um richtig durchgreifen zu können. Was bei uns ein System mit Ausnahmenfällen ist, braucht hier noch viele viele Jahre um einen ordentlichen Anfang zu finden.

 

 

Alles ist hier anders. Es scheint wirklich eine andere Welt zu sein. Die Menschen hier sehen nicht nur komplett anders aus, sie essen anders, sie denken anders, sie ziehen sich anders an, sie haben eine komplett andere Vorstellung vom Leben und sie gehen anders miteinander um.

Ich hätte nicht gedacht, dass Bolivien so komplett anders ist. Die Innereien des Huhns zählen hier als „Abfall“, dafür die Füße als Delikatesse. So mancher knabbert sogar an den Krallen herum. Noch nie habe ich Kartoffeln, Reis, und Nudeln zusammen in einem Menü gegessen. Kauft man auf der Straße etwas zu trinken, so sind es selbstgemachte Säfte, die man in einer Plastiktüte mit Strohhalm serviert bekommt. Selbst die Orangen isst man hier auf eine andere Art und Weise.

 

 

Tag 6:

Eine Ladung Orangen ist nun an Bord, die sollen glaube ich verkauft werden, aber wir essen die Hälfte weg. Auf bolivianische Art: Man schält Die orangene Schale ab, lässt dabei aber die Weiße noch dran und schneidet dann einen Deckel ab. Anschließend saugt man den Saft und das Fruchtfleisch heraus. Wenn mans kann, dann ist es nicht im Geringsten eine Sauerei. Wenn mans kann…

500 Pomelos haben wir gekauft. Zum weiterverkaufen. 100 Stück kosten 20 Bolivianos, das sind ca 2.50€ Weiterverkauft werden sie für das doppelte. Aber auch hier machen wir uns über die Früchte her. Wer weiß, wie viele am Zielhafen ankommen werden.

 

Mein Akku ist leer und aufladen klappt irgendwie nicht. Licht zum Schreiben im Buch hab ich auch nicht.

Es war eine schöne Woche, wenn auch sehr eintönig, da ich nichts zu tun hatte und Bolivianer lange brauchen, um mit einem warm zu werden.

 Bin mal wieder an tolle Leute geraten. Echte Bolivianer. Nicht wie die aus der Stadt, eine Mischung aus allem. Waschechte Bolivianer: Deutschland kennen sie kaum (Hugo hat mich gefragt, ob wie inj Deutschland Nudeln haben! Und ein anderer ob Deutschland nicht über den USA läge), schokobraune Haut, seltsame Charaktere, mal mürrisch, mal ohne Antwort und meistens zurückhaltend (wobei ich das mag an ihnen), aber irgendwie doch durch und durch Latinos und voll von Piropos (Komplimente)

Morgen kommen wir in Guayaramerin an und dann geht es für mich nach La Paz, die Hauptstadt Boliviens. Es steht eine 38-stündige Fahrt an, ohne Klo im Bus und Schotterstraße für etwa 36 Stunden. Da frage ich mich manchmal schon, warum ich mir das eigentlich alles antue… )

 

 

26.8.13 22:59
 



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