gratis Counter by GOWEB
Gratis Counter by GOWEB

* Startseite     * Über...     * Archiv     * Gästebuch     * Kontakt     * Abonnieren



Itchy Feet

* Themen
     Kolumbien
     Venezuela
     Peru
     Bolivien
     A Farmer's Diary
     Chile
     Argentinien
     Auf See im Mittelmeer
     Unterwegs
     Mexico
     Teneriffa
     Gran Canaria
     Madrid

* mehr
     nächste Ziele






Acht Monate Kulturen, Sprachen und Du selbst

Wie‘s bei mir ist? Ich könnte sagen gut, denn es ist wirklich gut (meistens zumindest), aber das wäre wohl eher eine ungenügende Aussage.

 

Die Länder und die Leute:

Argentinier sind tolle Menschen; sie kennen dich kaum, scheinen dich aber sofort in ihr Herz geschlossen zu haben und wollen dich am liebsten gar nicht mehr gehen lassen. Die Kultur hat viele italienische Einflüsse, sei es in der Küche, in der Lebenseinstellung oder in der Familiengeschichte. Argentinier sind wie alle anderen Südamerikaner mächtig stolz auf ihr Land und wollen, dass du nur das Beste von Ihnen denkst. Flagge zeigen –auch außerhalb von Fußballspielen- hat hier nirgendwo etwas mit Nationalsozialismus zu tun, die Menschen sind einfach nur stolz zeigen zu können, woher sie kommen. Schade, dass das bei uns noch nicht durchgedrungen ist… Das Land ist unglaublich riesig! Wirklich gigantisch! In Patagonien kannst du Tagelang einer Straße folgen und du begegnest nicht einem Menschen! Ich bin gespannt wie es in Brasilien sein wird.

Chile nennt so manch einer die südamerikanische Schweiz; hier geht vieles sehr europäisch und damit geordneter zu. Polizisten setzen Regeln durch, sorgen wirklich für Ordnung und an den Zeitplan der Öffentlichen kann man sich so gut wie halten. Aber auch das alltägliche Leben ist teilweise teurer als in Deutschland, so sind die für uns hohen Semestergebühren von 500€ für chilenische Studenten ein Geschenk. Teilweise müssen hier für die staatlichen Unis Beträge im 4-stelligen Bereich pro Monat (!!!) gezahlt werden.  

Die Bolivianer kannst du in die Tonne treten. Zumindest die meisten. Es mag die wirklich komplett andere Kultur sein, aber für mich ist es das unsympathischste Volk, das ich bisher kennen lernen durfte.

Über die Peruaner kann ich noch nicht viel sagen; die Menschen aus den Anden haben alle irgendwie denselben Lebensstil und die Großstädter den aus Europa oder den USA.

Teilweise komme ich mir wie in einer komplett anderen Welt vor, teilweise ist‘s aber irgendwie wie zu Hause.

 

Job mäßig war es das Beste, den Bürojob erst mal aufgegeben zu haben. Es ist einfach nichts für mich. Und es war auch das Beste, nach dem Abi nicht sofort Journalismus oder Tourismus zu studieren. Hier habe ich in verschiedenen Hostels gearbeitet und auf einer Farm. Und auch wenn‘s mir erst Wochen später klar geworden ist, war das erfüllende Arbeit für mich. Ich war glücklich, bin jeden Tag um 6 aus dem Bett gesprungen, habe die Tiere gefüttert, Holz gehackt, Gemüse aus dem Garten eingekocht und war den ganzen Tag an der frischen Luft und hab dabei meine Hände schmutzig machen dürfen. Vielleicht schaff‘ ich‘s in Ecuador nochmal auf eine Farm, das wär toll. Nächsten Oktober will ich dann Landwirtschaft studieren und irgendwann möchte ich meinen eigenen Hof leiten. Einen Selbstversorgerhof. Alles biologisch. Vielleicht mit einem kleinen Altenpflegeheim oder einer Pension für Touristen, damit Geld rein kommt. Naja, erst mal das Studium.

Anfangs dachte ich, dass ich vielleicht einen Ort finde, an dem ich einen Job für ein oder zwei Jahre bekomme, aber ich weiß nun, dass mein Herz zu Hause in München schlägt und dass ich gerne Deutsche bin. Das Leben in Deutschland ist ein sicheres Leben, Armut gibt es bei uns nicht. Und in Deutschland kann ich genug Geld verdienen, um weitere Reisen zu machen und somit mehr über‘s Leben zu lernen. Wo anders in der Welt ist das gar nicht so einfach.

Unterwegs treffe ich hauptsächlich nur Europäer. Ein paar Amis und Argentinier, aber sonst? Nadie. Trotz der Krise in Europa führen wir gute Leben, leiden keinen Hunger und werden vom Staat weitestgehend unterstützt. Selbst Menschen aus Ländern, von denen wir denken, sie haben kaum Geld, haben doch genug, um zu reisen. Ich treffe unter anderem viele Kroaten, Polen, Tschechen und sogar Slowenen. Vielleich ist es schwieriger, das benötigte Kleingeld zusammenzusparen als in Deutschland, Frankreich oder der Schweiz, aber es ist machbar.

Ein Flugticket von Europa nach Südamerika sind für so machen Latino mehrere Monatsgehälter. Allein die Tatsache also, dass du dir ein Flugticket hierher leisten kannst, lässt dich als „reich“ dastehen.

 

Die Lulu an sich: öffentliche Klos sind zu meinem Heimatbad geworden. Ohne Scham und Bedenken putze ich mir die Zähne, zupfe Augenbrauen und wasche Hals und Gesicht nach oder vor jeder langen Busfahrt.

Mit meinem mir völlig fremden Sitznachbarn im Bus teile ich meine Chips und halte Smalltalk. Und sollte im Nachtbus mal ein Hollywood-Film auf den 60er-jhre-Bildschirmen laufen, dann komme ich mir fast wie Sonntagabend in meinem Bett vor. Nur eben nicht ganz so gemütlich.

Haare im Essen werden rausgefischt, an der Hose abgeschmiert und es schmeckt kein bisschen schlechter.

Ich bin sensibler, feinfühliger und vor allem ruhiger geworden. Durchdrehn ist nicht mehr. Vor allem nicht ohne den richtigen Leuten an meiner Seite. Zumal man sich nur mit den BF4E totlachen und ausflippen kann, bis der Arzt kommt.

Meine Mum sagt, ich bin ein kleiner Hippie geworden, Freunde meinen, ich wäre schon immer anders gewesen. Ich weiß nicht, ob ich nun ein Hippie bin oder einfach nur anders, aber das, was ich mir hier angeeignet habe, möchte ich unter keinen Umständen wieder aufgeben oder verlieren. Ich möchte mein Leben in München neu gestalten, neue Menschen kennenlernen, zu den alten aber weiterhin Kontakte pflegen. Und ich möchte die jetzige Lebensart weiterführen: Mit weniger im Alltag auskommen, keinen vollen Kleiderschrank  haben, in den verschiedensten Situationen improvisieren müssen, ungeschminkt und in Jogginghose durch die Maximiliansstraße laufen können, regelmäßig neue Sachen ausprobieren und neue Orte entdecken und alles ein bisschen lockerer sehen. Schließlich hab ich nur das eine Leben, warum also nicht ab und zu mal einen Gang runter schalten? Die Deutschen werde ich ab sofort auch mit anderen Augen sehen, mehr als eine Art Kultur, die noch entdeckt werden muss…

Zu all dem gehört auch, etwas komplett Neues anzufangen, um nicht wieder in die alte Schiene zurückzurutschen. Eben das Landwirtschaftsstudium. Meine Oma meint, das hätte doch keine Zukunft, ich glaube es hat mehr Zukunft als jeder Angestelltenjob.

 

Reisen ist nicht immer einfach und auch wenn‘s schön klingt, aber Langzeiturlaub ist oft weit weit entfernt von diesem Trip. Letztens saß ich nachts im Bus und konnte nicht schlafen. Ich hatte den Gangplatz, also nichts wo ich den Kopf anlehnen konnte, neben mir ein dicker stinkender Mann und eine schnarchende Frau. Und über mir hat auch noch die ganze Zeit irgendwas geklappert. Da hab ich mich wirklich gefragt, was ich hier überhaupt mache und dass ich im Dezember mit meiner Mum nach Hause fliege. Dort hätte ich mein eigenes, breites Bett, wo keiner schnarcht und stinkt außer ich ^^ Aber ein Tag später war‘s schon wieder vergessen und ich hab mich durch die exotischen Köstlichkeiten der Marktbuden gefuttert.

Die Zeit ist wirklich wirklich toll! Aber eben auch anstrengend. Nicht nur, weil du vollkommen auf dich allein gestellt bist; alle drei, vier Tage wechselst du den Ort und damit das Bett, die Leute um dich rum, das Bad, die Dusche, das Essen, einfach alles ändert sich damit. Und wenn man mal ein paar Tage lang nichts, aber wirklich gar nichts macht, sondern sich einfach nur erholen möchte, dann wird man schräg angeschaut und muss sich gute ausreden einfallen lassen. (Wer zur Hölle macht denn ein Jahr lang, jeden Tag Sightseeing???) Je mehr du siehst, desto schwieriger wird es, dich zu beeindrucken. Irgendwann ist jeder Markt nur noch ein Markt, jede Kirche, eine Kirche, jeder Berg ein Berg und jeder Wasserfall ein Wasserfall. Auch baust du von Anfang an keine festen Verbindungen zu neuen Leuten auf; die Tatsache, dass du sie in ein paar Tagen auf nimmer wiedersehen verabschieden wirst, lässt es dir schwerer fallen, sich für sie wirklich zu interessieren und sie in ein tieferes Gespräch als das übliche wo kommst du her, wie war dein Trip bisher, was hast du alles gesehen etc., zu verwickeln.

Auch ist es schwer, nicht angeberisch zu klingen, wenn man von seinen Erfahrungen und Eindrücken erzählen will.

Es gibt auch immer wieder Momente, wo ich mir versuche klar zu machen, dass das mein großer Traum ist, der nun nicht länger mehr ein Traum ist und ich wahnsinnig stolz auf mich sein kann. Und dass es da draußen so viele Menschen gibt, die gerne an meiner Stelle stehen würden und dass es purer Luxus ist, so viel von der Welt sehen zu dürfen und so viel zum Leben dazulernen zu dürfen. Richtig realisieren werde ich es aber wahrscheinlich erst daheim in München.

 

Was sich nach 8 Monaten noch so verändert hat? Manchmal denke ich viel - fast alles - manchmal denke ich mir aber eigentlich gar nicht so viel.

Ich kann keine Berge mehr sehen, das steht fest. Die Anden sind enorm! Sie ziehen sich fast über den ganzen Kontinent! Das hätte ich nicht gedacht. Argentinien, Chile, Bolivien, Peru und sogar Ecuador und Kolumbien haben noch Ausläufer. Es ist ein wunderschönes Gebirge, aber irgendwann reicht‘s. Vor allem der Höhen- und Klimawechsel. Der schlägt auf den Magen und ich habe ständig Schnupfen. Zudem fühle ich mich immer müde.

 

Heute kam ich von einem zwei Tages-Trek aus dem Colca Canyon zurück. Am ersten Tag sind wir über 18km gelaufen, meistens Bergab, aber das bisschen Anstieg hatte es in sich. Und auch Bergablaufen wird nach einigen Kilometern zum Muskeltraining. Am zweiten Tag mussten wir dann wieder zum Ausgangsort aufsteigen. Ein Höhenunterschied von 1.200 Metern war zu bewältigen. Anfangs sah ich es noch als Challange an, doch mit der steigenden Sonne und dem schwindenden Schatten sanken meine Lust und vor allem aber meine Kraft. 6 Stunden bin ich stur bergauf geklettert. Irgendwann haben auch die Pausen nichts mehr geholfen, nach 2 Metern war ich schon wieder aus der Puste. Die allgemeine Höhe und damit verbundenen Atemschwierigkeiten machten das alles nicht leichter. Zumal ich auch noch einen angeknacksten Zeh habe.

Zwischen den riesigen Bergen des Canyon kam ich mir vor wie eine Ameise. Machtlos aufgeschmissen. Wie kann man nur so verrückt sein? Was hab ich mir dabei eigentlich gedacht? Bescheuert, einfach bescheuert. Und definitiv nie wieder.

Bis nach oben musste ich nun aber  noch laufen, ein Zurück gab es nicht.  Kurz vor Ende wusste ich nicht, ob mir gleich schwarz vor Augen wird, oder mir die Beine schlapp machen, tragen wollten sie mich jedenfalls nicht mehr. Das Schlimme: Hinter jeder als letzte geglaubten Kurve kam noch eine und noch eine. Es schien kein Ende zu nehmen. Irgendwann wurde auch noch das Wasser knapp und es musste ausreichen, sich nur die Lippen zu befeuchten. Ich traf zwei genauso fertige Wanderer, auch sie dachten sich „Nie wieder!“ Zusammen überlegten wir, uns die Klippe runter zu stürzen, dann wär’s vorbei. Aber der Gedanke an eine kalte, frische Chicha (ein Zucker-Zimt-Limetten-Getränk aus schwarzem Mais) war verlockender und realistischer.

Irgendwann war es jedoch tatsächlich die letzte Kurve und ich sank erschöpft im Schatten einer Mülltonne zu Boden.

 

Es gehört dazu, im Leben ab und zu an seine Grenzen zu gehen. Neues zu entdecken und auszuprobieren.  Zu wissen, wie weit man gehen kann. Im Nachhinein sind wir alle zufrieden mit uns selbst und überaus happy. Und der Muskelkater im Arsch verspricht eine tolle Bikini-Figur. ;-) Trotzdem möchte ich so etwas nicht nochmal durchleben. Definitiv nicht mehr Wandern in Form von Trekking durch irgendwelche Canyons.

 

 

Es hat sich nicht mein ganzes Leben verändert, aber ich sehe viele Dinge mit anderen Augen und das möchte ich nach München bringen und mit allen teilen.

17.9.13 08:50
 



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung