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Itchy Feet

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Ballermann oder Feiertage in Venezuela

„Heute gehen wir an den Strand!“, rufen wir der deutschen Besitzerin unserer Unterkunft zu. Unsere Nachbarn, zwei Mädels aus Stuttgart, lächeln bemitleidend. Später werden wir verstehen warum. Wir packen unsere Badesachen samt Hängematte und machen uns auf den Weg. Oder besser gesagt: Wir stürzen uns ins Getümmel. Auf der engen Hauptstraße (die einzige Straße des Küstendorfes Puerto Colombia, geht es weder vorwärts noch rückwärts. Unter normalen Umständen würden zwei Autos gerade so aneinander vorbei fahren können. Doch zwischen Weihnachten und dem 6. Januar ist in Venezuela nichts normal.

Hupend, schreiend und im Schritttempo versuchen die einen an den Strand zu fahren, während die anderen von eben diesem kommen. Fehlende Bürgersteige lassen zusätzlich hunderte von Menschen mit Kühlboxen, Sonnenschirmen, Zelten, Kinderwägen, Schwimmringen und Sandspielzeug zwischen den im Stau stehenden Autos durchdrängeln. Fassungslos, kopfschüttelnd und mit einer ersten Vorahnung, was uns die nächsten Tage bevorsteht, schlagen wir uns unseren Weg zum Hauptstrand, der Playa Grande, durch.

Vorbei an den üblichen Kiosks, die an den Türen Bikinis, Badelatschen und Plastikspielzeug aus China anbieten und die Vitrinen voller Chips und Kekse haben. Andere verkaufen im Fett gebadete Empanadas oder Alkohol. Letzteres der wohl wichtigste Begleiter im Urlaub eines Venezolaners. Während wir uns durch die Massen quetschen, begegnen uns die bizarrsten Düfte: verdorbene Lebensmittel der überquellenden Mülltonnen, Schweiß, Abgase, Urin, Bier und frittiertes Fett. So stellen wir es uns in asiatischen Hauptstädten vor. Fehlen nur die TuckTucks.

Hier und da versuchen Autos am Straßenrand –der eigentlich Fahrbahn ist- einzuparken und die Familie so möglichst nah an den Strand zu bringen. Teilweise sind die Karren so überfüllt, dass vier Familienmitglieder im offenen Kofferraum mitfahren und die Füße hinten raus baumeln lassen. Wer das ganze noch toppen will, stellt sich auf einen vorspringenden Spalt der Fahrertüren, hält sich am Dachgepäckträger fest und sieht zu, dass er an den vorbeilaufenden Fußgängern nicht hängen bleibt.

Wer keine Familie zu transportieren hat, baut im Kofferraum die größten Boxen des Media-Markts ein, legt HipHop aus den USA auf, dreht das Volumen auf maximal und versucht eben so, bis zum Strand durch zu fahren.

Auch wir haben uns irgendwann durch das Chaos geschlängelt und erreichen den Strand.

Unser Reiseführer verspricht uns einen weißen, mit Palmen gesäumten Traumstrand, umgeben von Regenwaldbergen. Keine Häuser, keine Sonnenschirme und –liegen.

Dass es zur Hochsaison nicht ganz so Cast-away sein würde, ist uns klar. Was uns allerdings wirklich erwartet, lässt uns die Kinnladen nach unten klappen: Der komplette Freiraum zwischen den Palmen ist mit Zelten bedeckt. Dicht an dicht drängen sie sich, es fällt uns schwer, einen Durchgang zum eigentlichen Strand zu finden. Wir müssen aufpassen, nicht über Müll, Küchengeschirr, Gaskocher oder aus den Zelten hängende Beine zu stolpern. In der Luft hängt der Geruch von tropischem Regenwald, geratenem Fleisch und herumstehenden Bierdosen und –Flaschen. „Ihr müsst an den Zelten vorbei bis zum Wasser und dann bis ans Ende des Strandes durchlaufen“, hat man uns noch empfohlen. Da würde es weniger zugehen. Wir quetschen uns zwischen den letzten der geschätzten tausend Zelte durch und sehen vor lauter Menschen auf Liegestühlen und Handtüchern den Sand nicht mehr. Eng an eng liegen sie nebeneinander und wälzen sich in der Sonne. Wie Sardinen in der Dose. In der einen Hand eine Dose Bier, in der anderen eine Tüte Chips.

Vor lauter Bierdosen, Chipstüten, Kühltaschen, gut gebauten Frauen mit monströser Oberweite (übrigens schon im Kindesalter) und hageren jungen Buschen mit enger Badehose und Goldkette um den Hals, sehen wir im wahrsten Sinne des Wortes den Strand nicht mehr. Durchgehen ohne auf fremde Hände oder Füße zu treten, ist nicht. Wir schlagen uns trotzdem irgendwie direkt ans Wasser durch und stolpern nun über die in Windeln planschenden Babys.

Dass es mir hier nicht gefällt, muss ich nicht erwähnen, das sieht Mama mir an. Trotzdem erreichen wir das „ruhigere Ende“ des Strands und finden ein Plätzchen, an dem wir die Hängematte aufspannen und die ganzen Eindrücke erstmal sacken lassen können.

 

Abends wird uns geraten, an den Pier zu laufen, dort wäre es ja so schön. Leute gehen spazieren und begutachten die angebotene Handwerkerware der einheimischen oder ausländischen Künstler.

Erneut betreten wir die Hauptstraße und befinden uns im selben Straßenbild wie heute Morgen vor 10 Stunden. Hupende Autos, aufgedrehte Boxen, jede Menge Fußgänger und Mopeds, die allen Ernstes meinen, durch dieses Chaos besser durchzukommen als alle anderen. Zu allem Überfluss sitzen jetzt auch noch ältere Damen mit Plastikstühlen auf dem nicht vorhandenem Bürgersteig, also auf der Fahrbahn. Sie wollen dem Treiben zusehen und mit den Vorbeilaufenden ein Pläuschchen  halten.

Nach einem Jahr in Südamerika wundere ich mich über gar nichts mehr, ich suche einfach den Weg zum Pier. Mama im Gegensatz kann es nicht fassen, was sie da gerade sieht.

Dieselbe Menschenmasse, die sich tagsüber am Strand gewälzt hat, sitzt nun mit Bier, Rum und Whisky an der Promenade. Gemütlich laufen? Fehlanzeige. Höchstens schwanken. Autos stehen geparkt mitten auf der Straße (nicht, dass es ein Parkplätz wäre!) Motor an, damit die Batterien nicht alle werden und die Musik so laut es geht aufgedreht. Und sollten die Boxen knirschen – egal, Hauptsache der Bass wird gezeigt.

Getanzt, wie es in Südamerika eigentlich üblich ist, wird nicht. Nur getrunken. Und getrunken. Inmitten der Menge liegt eine Matratze auf dem Boden, das Nachtbett zweier „friedlich“ schlafender Kinder. Es stinkt nach Urin und Alkohol, der Fußboden ist schlammverschmiert.

Willkommen am Ballermann. Fehlen nur noch die 5€-Damen.

11.1.14 17:24
 



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